Seit Dezember 2005 habe ich keinen Film mehr belichtet. Was war das damals für ein unbeschreibbares Gefühl: Direkt nach der Aufnahme sehen, was man wie fotografiert hat! Ein Segen. Keine teueren Filme mehr kaufen und einschicken. Ich hab die Analogfotografie so gar nicht vermisst.

In den 90ig Jahre hatte ich als Jugendlicher erste fotografische Schritte mit der Canon AE1 und einem 1.8 50mm Objektiv meines Vaters unternommen. Rasch bin ich dann ins Canon EOS – System gewechselt, um in den Genuss von Autofokus zu gelangen. Die Fuji Sensias und Velvias waren für mich als Student ein teuerer Spaß Anfang der 2000er Jahre. Aber vom Virus Fotografie war ich infiziert und so füllten sich Dia-Magazine und ausgewählte Bilder landeten in den Kunze-Journalen. Obwohl ich nur gute 6 Jahre auf Film fotografiert hatte, kam da einiges zusammen. Und an Dia-Film führte für mich kein Weg vorbei, wollte ich doch meine Naturfotografien anderen auf einer Leinwand zeigen und dazu berichten.

Gut 20 Jahre ist die Welt, nicht nur die fotografische, eine andere – eine schnellere. Als ich zu Jahresbeginn 2025 den Nachlass eines Freundes ins Haus zum Abverkauf bekam, lagen auf einmal Jahrzehnte alte analoge Kameras und Objektive vor mir: Hasselblad 500, Pentax 67 und alte Minolta-Kleinbildkameras. Vor allem die kubische Hasselblad mit ihrem 6×6 Mittelformat hat mich fasziniert. Haptisch wie optisch. Die Gedanken kreisten, ob ich nicht eine Hasselblad mit ein oder zwei Objektiven behalten sollte. Doch nach einigen Tagen der Überlegung und nach Einholung von Angeboten war klar, dass die Sachen noch (richtig) Geld wert sind und ich für ein analoges Abenteuer nicht bereit bin. Die Vernunft hatte gesiegt (was bei meinem Hobby Fotografie selten der Fall ist ;-)).

Im Dezember 2025 besuchte ich einen Freund, der ebenfalls fotografiert. Digital versteht sich. Während unseres Gesprächs wanderte mein Blick in sein Bücherregal und dort zu einer kleinen silbernen (analogen) Kamera. Ich frage ihn: „Hast Du damit schon mal fotografiert?“ Er antwortete: „Nein, hab ich mal geschenkt bekommen und steht seitdem dort. Kannst Du gerne mitnehmen und ausprobieren ob sie funktioniert.“ Da überlegte ich nicht lange und schon verschwand die kleine Olympus PEN FT in meiner Jackentasche. Ein wunderschöne Kamera. Erst zu Hause und nach etwas Internetrecherche war mit bewusst, was ich da eigentlich eingepackt hatte: Ein Halbformatkamera, die zwei hochformatige Bilder auf der Fläche eines Kleinbildes belichtet. Sprich es sind 72 anstatt 36 Bilder mit einem Kleinbildfilm möglich. Die zweite Überraschung war: Sie hat ja Wechselobjektive – danach sah es nicht aus. Und die dritte: Ein Prismensucher an der linken Seite der über einen vertikal stehenden Spiegel den Blick durchs Objektiv ermöglicht, sprich eine Spiegelreflexkamera. Vom Design her sah sie eher wie eine Messsucherkamera aus. Ob die wohl funktioniert und was da wohl für eine Bildqualität rauskommt? Ich war skeptisch – sehr.

Olmpus PEN FT - eine Halbformatkamera
Olmpus PEN FT – eine Halbformatkamera

Nach Beratung im Freundeskreis hinsichtlich Filmmaterial (ich hatte keine Ahnung) viel die Wahl auf einen Ilford HP5+. Wenn analog fotografieren, dann nur auf Negativfilm und in Schwarzweiss – nahmm ich mir fürs Erste vor. Dank einer alten gescannten Bedienungsanleitung im Netz war der Film rasch geladen und die Funktionen verinnerlicht – viele gibt es ja auch solchen Kameras nicht. Noch kurz eine App auf das Smartphone zur Belichtungsmessung gespielt und dann losgezogen. Meine Wunschmotive: Portraits und alles was so in SW funktionieren könnte – Natur nur bedingt oder gar nicht. Nach 48 Bilder ließ sich der Verschluss nicht mehr richtig aufziehen. Kamera schon kaputt? Mit Gewalt ging noch etwas, irgendwann hab ich den Film dann zurück gespult und zu einem Labor zur Entwicklung gesendet. Ich wartete auf die Negative. Nein, ich fieberte diesem ersten Film regelrecht entgegen. Die Tage vergingen gefühlt wie Jahre – schon lange war ich nicht mehr so gespannt auf etwas. Klingt komisch, war aber so. Dann kam endlich der kleine Karton. Ich rechnete tatsächlich mit dem Schlimmsten: Lauter Fehlbelichtungen. Kaputter Filmtransport. Lichtdichtungen defekt. Kratzer. Was auch immer. Mangels Leuchtpult hielt ich die Filmstreifen ans Fenster. Okay, ich konnte was erkennen. Da scheint zumindest das eine oder andere Bild „korrekt belichtet“. Die Negativbetrachtung war für mich natürlich ungewohnt, hatte ich ja noch nie mit Negativfilm fotografiert. Ich konnte mir da am Fenster wirklich nur sehr eingeschränkt vorstellen, ob ich da etwas „Brauchbares“ geknipst hatte. Rasch hatte ich mir eine kleine Leuchtplatte mit Filmtransport, also eine Vorrichtung für das Abfotografieren, im Netz bestellt. Mit Dreibein, meiner Nikon Vollformat und einem 105er Makro fotografierte ich Bild für Bild vom Esstisch ab. Die planparallele Ausrichtung war fummelig, aber irgendwann hatte ich es bei Blende 8 – 11 geschafft, ein über die ganze Bildlfläche scharfes Duplikat zu erzeugen. Nach dem Import in Adobe Lightroom kehrte ich die Gradationskurve um und blickte auf meine allerersten SW-Positive. Ich weiß nicht so recht, wie ich dieses Gefühl das mich dabei überkam, beschreiben soll… Ich war geflasht, nah an dem, was man mit sprachlos umschreibt. Unfassbar, wie toll diese Bilder aussahen. Dieser organische Look, das Korn, dieses Natürliche… Da war es wohl um mich geschehen. Und was mich noch begeistert hat: Wie unfassbar gut die Qualität dieser geradezu winzigen Linse, einem Olympus F. Zuiko Auto-S 1:1,8 38mm, war. Selbst bei Offenblende.
Begeisterungsfähig wie ich bin begann sofort mit dem Jahreswechsel (wenn man Zeit hat) die große Recherche zur Analogfotografie – und natürlich auch zur analogen Technik. Eine Leica M, das wärs doch. Kleinbild statt nur Halbformat, warum nicht. Die Lernkurve war steil: Ab der Leica M3 aufwärts wird es teuer – für den Body. Und dann kommen ja noch die Kosten für ein Leica-Objektiv dazu. 35mm Brennweite schwebten mir vor. Und Ruckzuck hätten mehrere tauschend Euro über den Ladentisch oder an privat gehen müssen. Zu teuer für weitere analoge Experimente dachte ich mir. Doch schnellt spuckt einem das Netz natürlich aus, dass es noch zahlreiche andere Hersteller von Messsucherkameras gab. Und von diesen wiederum zahlreiche Modelle. Nach etwas Rechere fiel die Wahl auf eine Canon Messsucherkamera, genau gesagt auf eine Canon 7 von Anfang der 60er Jahre. Die direkte Konkurrenz zu einer Leica M3. Bilder der Kamera faszinierten mich. Die Beschaffung etwas weniger, wurde doch das meiste über japanische Händler angeboten. Teurer Versand, Zollkosten, ggf. unentdeckte Mängel und ein schwieriger Rückversand. Alles nicht so prickelnd. Doch dann entdeckte ich im Biete-Bereich des DSLR-Forums, dass ich jedem für den Kauf und Verkauf von gebrauchter Fotoware nur wärmstens empfehlen kann, eine Canon 7 in Deutschland. Noch besser, diese hatte erst vor wenigen Jahren eine CLA durch einen Profi in Deutschland erhalten. CLA = cleaned, lubricated, adjusted. Alle Funktionen (selbst des Belichtungsmesser) schienen einwandfrei. Der Kontakt mit dem Verkäufer war ausgesprochen nett und wir telefonierten mehrmals, ein Sammler und Kenner von alten analog Kameras, der sich von einigen Schätzchen trennen wollte. Also ein wahrer Glücksgriff. Und das alles für einen Bruchteil des Geldes einer gut erhaltenen Leica M3. Leider ohne Objektiv – so begann die Rechereche erneut. Die Kamera hat einen M39 – Schraubgewindeanschluss, auch als LTM (Leica Thread Mount) bezeichnet. Hierfür gibt es natürlich nicht nur von Canon Objektive, sondern von zahlreichen anderen Herstellern auch, unter anderem Leica oder aus russischen Fabrikaten (z.B. die Jupiter-Serie). Wiederum hatte ich Glück und konnte in gut erhaltenes Exemplar eines Canon 1:1.4 50mm in Deutschland ergattern.

Canon 7, eine Kleinbild-Messsucherkamera aus den 1960er Jahren.
Canon 7, eine Kleinbild-Messsucherkamera aus den 1960er Jahren.

Nun galt es die ersten Bilder meines Lebens mit einer Messsucherkamera zu belichten. Wer schon einmal durch einen Messssucher geblickt hat, weiß wie anders diese Fotografie im Vergleich zu einer Spiegelreflex ist. Man hat, zumindest wenn die Modelle nicht aus den 1930er Jahren sind, einen brennweiteäquivalenten Rahmen eingeblendet und stellt über einen kleinen Bereich in der Suchermitte, wo zwei halbtransparente Schnittbilder deckungsgleich zu bringen sind, scharf. Kein Hexenwerk, aber durchaus ungewohnt. Ich freunde mich damit noch an… Wenn man dann aber den Auslöser drückt, geht einem das Herz auf. Die Canon 7 mit ihrem Verschlusstuch aus Metall ist zwar ein bisschen lauter wie eine ähnlich alte Leica, aber dieses leise „Tschick“ ist faszinierend. Absolut diskret. Kein lautes Spiegelklappern. Keine heftigen Vibrationen. Dazu die Größe und das Gewicht sowie die wertige Verarbeitung – die Canon 7 ist eine Augenweite und eine hervorragende Messsucherkamera mit einem hervorragenden Preis-Leistungsverhältnis. Auch in diese Kamera legte ich einen Ilford HP5+ ein. Und auch hier trat das Phänomen auf, dass irgendwann der Filmtransport nicht mehr so richtig wollte (bei knapp über 24 Bilder anstatt 36). Etwas Gewalt – irgendwelche komischen Geräusche aus der Kamera. Mal besser zurückspulen. Und dann bei der Entnahme der Filmpatrone die (bittere) Erleuchtung: Ich hatte Kleinbildfilm mit 24 anstatt 36 aufnahmen gekauft. Ja, die Lernkurve bei der Analogfotografie kann sehr steil sein 😉 Immerhin nicht die Kamera defekt, sondern einfach nur der Film voll. Auch die ersten Ergebnisse mit dieser Kamera fazinierten. Ich hatte zwar etwas mehr Ausschuss durch Fehlfokus produziert als mit der Olympus PEN FT. Aber dieser Bildlook – unglaublich. Nur wenige Tage später stand ich bei meinem lokalen Fotohändler im Laden um ein Objektiv von der Reparatur abzuholen und berichtete von meinen analogen Abenteuern. Kurze Zeit später stand ein Karton vor mir auf der Ladentheke. Randvoll mit analogen Kameras. „Such Dir was aus…“ Da lässt man sich nicht zweimal bitten und so ging eine wunderschöne und winzig kleine Spiegelreflex mit mir nach Hause: Eine Pentax MX mit einem 1:3.5 28 mm Objektiv.

Pentax MX, einer der kleinsten analogen Spiegelreflexkameras die je gebaut wurde.
Pentax MX, einer der kleinsten analogen Spiegelreflexkameras die je gebaut wurde.

Noch ist der eingelegte Film nicht voll, aber ich bin sowas von gespannt. Und während ich diese Zeilen schreibe, warte ich auf eine weitere Kamera… Doch es bedarf ja nicht nur Kameras und Objektive, wenn man analog arbeiten möchte. Inzwischen hab ich mir einen Reproständer gebaut, um rascher und ohne große Einstellerei optimal abfotografieren zu können. Ein Archivordner mit ausreichend Hüllen zur sicheren Archivierung ist auch schon beschafft. Die Folgekosten, neben Filmmaterial und Entwicklung, darf man auch nicht ganz unterschätzen. Dennnoch muss ich wohl sagen:Analog – es ist um mich geschehen.

Aber genug der Zeilen, anbei ein paar erste Bilder. Hauptsächlich habe ich ja Portraits gemacht, die ich aber (zumindest aktuell) hier noch nicht zeigen möchte. Da muss ich erst die Abgelichteten um Erlaubnis bitten. 

Vergleich meiner drei Kameras: Die Canon 7 ist die mit Abstand größte und schwerste Kamera. Alle drei Kameras sind von hervorragender mechanische Qualität, haben eine tolle Haptik und sehen unfassbar zeitlos schön aus - finde ich.
Vergleich meiner drei Kameras: Die Canon 7 ist die mit Abstand größte und schwerste Kamera. Alle drei Kameras sind von hervorragender mechanische Qualität, haben eine tolle Haptik und sehen unfassbar zeitlos schön aus – finde ich.

 

 

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